Zum 200. Geburtstag von Joachim Raff

RaffGrabmal
(aus dem Klavierkonzert c-Moll, op. 185, Beginn des 2. Satzes)

 

Welch ein schönes Thema, welch eine berührende Musik! So dachte ich vor vielen Jahren, als ich zum ersten Mal einem Werk von Joachim Raff begegnete. Tatsächlich erklang die Musik des in der Schweiz geborenen Württembergers Raff für knapp zwei Generationen – von 1860 bis zum ersten Weltkrieg – in allen Konzertsälen Europas und Amerikas. Nach der umjubelten Londoner Erstaufführung seiner fünften Symphonie benannte die Musical Times die drei wichtigsten deutschen Komponisten der Gegenwart: „Wagner – Brahms – und Raff.“

Als aber nach dem ersten Weltkrieg der Kanon klassisch/romantischer Musik geformt und durch die Institutionen des Musiklebens bis heute zementiert wurde, war Raffs Ruhm schon verblasst und sein Werk wurde im Hinterzimmer der Musikgeschichte deponiert. Da half es auch nicht, dass Größen wir Arturo Toscanini oder der durch seine Filmmusiken für Alfred Hitchcock bekannt gewordene Bernhard Herman bekennende Raffianer waren.

Immerhin hat Raff in den vergangenen zwei Jahrzehnten durchaus Karriere gemacht, dies jedoch nicht im Konzertsaal sondern auf Tonträgern. Nahezu das gesamte Werk ist heute in Einspielungen zugänglich. Was ist das nun für eine Musik? Woldemar Bargiel, selbst Komponist und Schwiegersohn Clara Schumanns schrieb: „Nun aber seine Musik! Er hat viel gelernt, schreibt glänzend für Orchester, hat große kontrapunktische Gewandtheit. Es gibt Gedanken und Melodien, die mit dem Gebaren auftreten, als sollten sie einem die Seele aus dem Leibe reißen.“

Raffs Themenbildung ist tatsächlich oft sehr eingängig und nahezu volksliedhaft. Daneben geht ein durchaus rationalistischer Zug durch seine Musik: satztechnische Kabinettstückchen werden gepaart mit brillanter Instrumentation und virtuoser Behandlung der Instrumente. Das klingt dann wie eine Synthese aus Mendelssohn und Berlioz. Wer aber nun glaubt, Raff wäre nur ein geschickter Arrangeur von Vergangenem gewesen, der wird erstaunt feststellen, wie viel von seiner Tonsprache in späteren Werken von Komponisten wie Smetana, Dvorak und Tschaikowsky steckt. Raff greift auf die Tradition zurück und weist gleichzeitig in die Zukunft voraus. Rückhaltlose Selbstzeugnisse oder Abgründe wird man in der Musik  kaum finden. Schon Bargiel mutmaßte, dass Raff beim Komponieren seiner Musik „gar nichts empfunden hat“. Man kann das als Mangel ansehen, aber es nimmt eine Haltung beim Umgang mit musikalischem Material vorweg, die erst im zwanzigsten Jahrhundert wieder richtig modern wurde. Raff als Anti-Romantiker, als früher Klassizist?

Letztlich wird man kaum zweifelsfrei klären können, welche Faktoren zu Raffs welkendem Weltruhm geführt haben. Man spricht von seiner unglücklicher Position zwischen Neudeutschen und Traditionalisten, auch von seinem Ungeschick als PR Manager in eigener Sache. Da ist sicher viel Wahres dran. Die These sei aber gewagt, dass das Publikum nach Raffs Tod von Musik nicht nur entzückt und berührt werden wollte, sondern vor allem erschüttert. Man war auf der Suche nach den letzten Dingen, nach Erlösung, Tod und Auferstehung, in Musik gesetzte Philosophie, am Ende nach dem lieben Gott. Das alles hatte Raff nicht zu bieten und fiel aus der Zeit.  Schade, denn mit Engagement gespielt, weiß seine Musik auch heute noch zu beeindrucken.

Neben den zahlreichen Aufnahmen beginnt sich nun auch die Musikforschung für den Vergessenen zu interessieren. Vor kurzem wurde auf Betreiben der Raff Gesellschaft in Lachen am Zürichsee ein Archiv gegründet, dass die weltweit verstreuten Quellen zu Leben und Werk Raffs zusammenträgt und der Wissenschaft zur Verfügung stellt. Im Verlag „Edition Nordstern“ in Stuttgart arbeitet man seit 25 Jahren an einer Raff Werkausgabe und hat dort nun zum ersten Mal ein komplettes Werkverzeichnis des Komponisten herausgegeben. Am 6. Juni dieses Jahres führt im Leipziger Gewandhaus der Gewandhauschor und die camerata lipsiensis Raffs letztes großes Werk, sein Oratorium „Welt-Ende – Gericht – Neue Welt“ auf. Den Höhepunkt des Raff-Jahres dürfte aber zweifellos die Uraufführung seines großen Musikdramas „Samson“ am 11. September durch das Deutsche Nationaltheater Weimar darstellen.

Eine Oper von Raff? Klingt unglaublich, ist aber wahr. In seinem vielgestaltigen Werk sind noch manche Entdeckungen zu machen.

Herzlichen Glückwunsch zum 200. Geburtstag, lieber Joachim Raff!

(Beginn “Samson”, 3. Aufzug)